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Wow-Effekt – glücklich, wer so kochen kann.
Das ist kein Kochbuch, sondern eine Hommage an das italienische Essen. Auf über 600 Seiten huldigt Sternekoch Giorgio Locatelli den Zitronen, Oliven, Steinpilzen, Tomaten und tausend anderen Köstlichkeiten, die wir mit Italien verbinden.
Die Italiener sind nicht bekannt dafür, mit wenig Worten auszukommen. Bei Locatelli ist das nicht anders, das erste (!) Rezept (eine Vinaigrette) folgt auf Seite 51, und ein Grundrezept für Risotto benötigt bei ihm mehrere Seiten. Nebenbei erzählt Locatelli aus seinem Leben, von seiner Heimat und Familie – das ist spannender und sympathischer als es im ersten Moment klingen mag und gibt en passant auch etwas über die Geschichte Italiens preis.
Die rund 180 Rezepte lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen, zum Beispiel Rochenflügel mit abgelagertem Balsamico, Kalbskopfsalat, gedrehte Nudeln mit dreierlei Zwiebeln, Seeteufel mit süsssaurer Walnuss-Kapern-Sauce, gebratene Tauben mit schwarzem Trüffel und Knoblauchpüree. Wie gerne würde ich jedes einzelne dieser Gerichte in Locatellis Restaurant (das Locanda Locatelli in London) bestellen. Doch für den Hausgebrauch eignen sich die Rezepte weniger – es scheitert nicht an den Zutaten, sondern an der Musse und Zeit. Wie es sich für einen wahren Maestro gehört, bereitet Locatelli nicht nur den Risotto selbst, sondern auch den Fond dazu, nicht nur die Pasta, sondern auch den Teig dazu, nicht nur das Dressing, sondern auch die Mayonnaise dazu.
Trotzdem habe ich mich an das Werk gewagt und siehe da: Es wurde gut. Wer die Mühe nicht scheut, die Prosa nicht schmäht, wird belohnt mit herrlichen Menüs, die so manchem italienischem Restaurant Ehre machen würden.
Fazit: Besser kochen lassen als selber kochen.
«Das Kochbuch «Made in Italy» ist für 53.90 Franken im Buchhandel und auf christian-verlag.de erhältlich.
Passend zum Auftakt ins Neue Jahr empfiehlt sich Locatellis einfacher Risotto mit Prosecco (für vier Personen) – im Vergleich zu den übrigen Rezepten ist dieses schnelle Gericht geradezu «Fast Food»:
Proseccorisotto mit Jakobsmuscheln
Etwa 10 mittelgrosse Jakobsmuscheln, mit Corail | 2, 5 l Fischfond | 50 g Butter | 1 Zwiebel | 400 g Risottoreis (Carnaroli superfino) | 160 ml Prosecco, plus etwas mehr zum Servieren | Saft von ½ Zitrone | Salz und Pfeffer
Für die Mantecatura: Etwa 75 g kalte Butter, in kleine Würfel geschnitten
Aus den Jakobsmuscheln zunächst zwölf sehr dünne (2 mm dicke) Scheiben für die Garnierung schneiden und beiseitelegen. Das restliche Muschelfleisch zusammen mit den Corails würfeln.
Für den Risotto den Fond neben dem Risottotopf zum Kochen bringen, dann die Hitze reduzieren und gerade noch köcheln lassen.
Butter in einem Topf mit Sandwichboden zerlassen und die gehackte Zwiebel zufügen. Sanft braten, bis die Zwiebel weich, aber nicht angebräunt ist (etwa 5 Minuten).
Reis zufügen und umrühren, bis die Körner mit Butter benetzt und leicht angeröstet sind. Überprüfen, ob alle Körner warm sind, dann 120 ml Prosecco zufügen. Den Alkohol vollständig verdampfen lassen, bis Zwiebel und Reis trocken sind.
Die Brühe kellenweise zugiessen, dabei den Reis im Topf ständig umrühren und von Rändern und Boden schaben. Wenn die Brühe fast vollständig verdampft ist, die nächste Kelle zugiessen.
Risotto 15–17 Minuten weitergaren und dabei immer wieder Brühe zugiessen, gegen Ende jedoch in immer grösseren Abständen, damit der Reis nicht zu feucht wird. Er darf zu diesem Zeitpunkt nicht zu flüssig sein, sonst wird er bei der Zugabe der Butter zum Schluss zu locker. Der Risotto ist fertig, wenn die Körner weich, aber immer noch al dente sind.
Die Hitze reduzieren, das gewürfelte Muschelfleisch und die Corails zufügen. Salzen und pfeffern, dann Zitronensaft zugiessen. Erneut abschmecken und gegebenenfalls nachwürzen.
Für die Mantecatura die kalten Butterwürfel mit einem Holzlöffel kräftig unterrühren; währenddessen den Topf energisch rütteln. Falls der Risotto zu fest ist, den restlichen Prosecco einrühren (anstelle der üblichen heissen Brühe), bis er all’onda ist (Wellen schlägt).
Kurz vor dem Servieren die beiseitegelegten Muschelscheiben leicht mit Salz und etwas schwarzem Pfeffer würzen und auf jeder Portion Risotto drei Scheiben anrichten – durch die Hitze wird das Muschelfleisch sofort gar. Mit etwas Prosecco beträufeln.
*Zu dieser Kolumne: Der Wert jedes Kochbuchs zeigt sich erst am Herd. Weil Kochbücher durch den Magen gehen, kocht Lilly Anderegg die Rezepte aus ausgewählten Büchern nach und gibt ein Urteil aus der Küche. Speiselift veröffentlicht die Kritiken im Monatsrhythmus.