
Es gab eine Zeit vor dem Foodscouting. Gerade die Jahre davor – ich hatte mir ein längeres Sabatical erlaubt – werden mir immer in bester Erinnerung bleiben. Nach ausgedehnten Reisen durch Asien und Ozeanien blieb ich in Australiens Sonnenstaat Queensland hängen. Beschäftigung war schnell gefunden. Der Rektor am College in Brisbane – mein Englisch brauchte ein Upgrade – war überglücklich über meine Idee, mit Gruppen von Studenten in die Wildnis zu fahren. Das hielt sie an den Wochenenden fern von Bars und Nightclubs. Dabei suchte ich anfangs nur Mitfahrer, um die hohen Kosten für die schweren Fahrzeuge aufzuteilen. Innert Kürze entwickelte sich ein veritables Business daraus. Mit 20 Kids in zwei grossen Landrovern, vollgepackt mit Verpflegung für fünf Tage, ging es los. Cooloola-Section- und Lemington-Nationalpark, Fraser- und Moreton Island. Geschlafen wurde unter freiem Himmel, gegessen wie im Sterne-Restaurant. Ich war Fahrer, Reiseleiter, Sanitäter und Koch in Personalunion, dreimal täglich wurde gekocht, abends jeweils ein Fünfgänger, selbst gefangene Krabben, auch mal ein Trüffelrisotto oder ein Känguruh-Filet. Gewürzt mit tasmanischem Pfeffer.
Dieses, dem Australischen Bush-Food zugeordnete Gewürz entdeckte ich während jener Zeit auf Aboriginal-Land, an einem kleinen Stand am Strassenrand, hinter dem ein paar Ureinwohner hockten. Sie verwendeten ihn früher nicht nur zum Aromatisieren von Emu-Burgern und Wombat-Steaks, sondern vor allem für Heil-Zwecke.
Sein anfangs leicht süsslicher Geschmack lässt nicht auf Pfeffer schliessen, die Schärfe folgt jedoch rasch, weicht dann aber einer eigenartigen Taubheit im Mund, ähnlich wie beim chinesischen Szechuan-Pfeffer. Am besten verwendet man ihn gemahlen, am Tisch. Die Produktion ist winzig, sechs Tonnen jährlich, das allermeiste davon wächst in Tasmanien, in den kühlen Regenwäldern des Wild Forrest Park und des Craddle Mountain National Park.
Jahre später, schon im Dienste der ***delicatessa, besuchte ich in Tasmanien einen Farmer, der uns exquisites Lamm lieferte. Natürlich wollte ich auch diesen exklusiven Pfeffer beschaffen und reiste in den unberührten Westen. Das hiess, den Bildern im eigenen Kopf hinterherzureisen. Sich an einen Ort zu begeben, von dem man schon verführt ist, ohne ihn wirklich gesehen zu haben. Verführt von Bildern, Büchern und Filmen. In die zeitlose, verwunschene Stimmung dieser grossartigen Landschaft eintauchen. Karge Gebirgsmassive und tiefgrüne Wälder entdecken, in Täler blicken, auf deren Grund sich wilde Bäche hinabstürzen. Es ist eine Natur, in deren selbstvergessene Majestät man eintreten möchte.
Es gibt nur eine Handvoll Menschen, die sich auf die Suche nach den Beeren dieses Pfefferstrauchs machen. Geerntet wird ähnlich den Heidelbeeren, mit einer Art Kamm die Beeren abgestreift und dann getrocknet. Die Verfügbarkeit ist leider beschränkt, eine scharfe Exklusivität eben.
Tasmanischer Pfeffer, ganz, 25 Gramm, 9.90 CHF bei Globus ***delicatessa
Der Autor: Richard Kägi, Foodscout und Einkäufer der ***delicatessa im Globus,
reist seit 16 Jahren um die Welt, auf der Suche nach Spezialitäten,
Rezepten und den interessanten Menschen, die dahinter stehen.
Auch von diesem Autor: «Bushman’s Revenge Chilisauce», «Schwarzer Knoblauch – Genuss ohne Reue» und «Sonne im Glas»