Die Frage ist so alt wie die Menscheit. Gut, unsere fellgewandeten Vorfahren wähnten sich glücklich, überhaupt Salz zu haben, oft genug keulten sie sich darum ihre Köpfe blutig. Später wurde dann um die Kontrolle über Salinen und Salz-Bergwerke intrigiert und geschachert, Schlachten und Kriege geführt und Kartelle beschlossen. In der liberalen Schweiz hält sich ein solches Relikt aus dem Mittelalter bis heute, mit fadenscheinigsten Begründungen und zum Schaden des Verbrauchers. Aber das ist eine andere Geschichte, eine traurige.
Vor Jahren bereiste ich für die ***deli die Westküste der USA, von San Diego bis Vancouver. San Francisco war damals das Mekka der amerikanischen Feinschmecker. Im Rest des Landes hatte man wahrlich nichts zu lachen, doch hier wuchs eine weltoffene und experimentierfreudige gastronomische Elite heran. Ikonen jener Aufbruchstimmung überdauerten unbeschadet alle Trends und setzten kulinarische Meilensteine. Alice Waters im Chez Panisse, the Tartine Bakery oder das Zuni Cafe sind heute noch äusserst erfolgreich. Die Chefin dort, Judy Rodgers war es denn auch, die meinen Umgang mit Salz komplett auf den Kopf stellte. In ihrem riesigen Pizza-Ofen verwandelten sich drei Tage (!) vorher gesalzene Bio-Hühner in perfekt gegarte, fleischgewordene Phantasien für Chicken Burger-müde Pollophile. The Zuni Roast Chicken war SIMPLY THE BEST!! Tina Turner muss sich hier die Inspiration für ihren Hit geholt haben. Noch halb besinnungslos von dieser nie vorher geschmeckten Saftigkeit und Zartheit sowie der knusprig-würzigen Haut, lauschte ich mit fettverschmierten Mundwinkeln den Worten von Judy. Wie bitte, drei Tage vorher einsalzen? Wo doch schon jeder von seinem Metzger biblische Strafen für solch frevlerisches Tun angedroht bekam? Ja, die Zeitdauer und Menge hängt von der Grösse des Stückes ab. Vorheriges Salzen erlaubt der Würze ein vollständiges Durchdringen, verbessert Saftigkeit und Textur. Es wirkt besänftigend auf die Proteine in und um die Muskelfasern, die dann weniger Widerstand beim Kauen bieten. Der Folgeprozess ist komplexer: Salz entzieht den Zellen Flüssigkeit. Daher der allseits bekannte Glaube, Salz wirke austrocknend. Doch mit der Zeit nehmen die Zellen wieder Feuchtigkeit auf, und zwar dank der umgekehrten Osmose. Diese Feuchtigkeit ist nun leicht salzig und imstande, die den Zellen innewohnenden Proteine zu ‚öffnen‘. Diese sind daraufhin in der Lage, sogar noch mehr Feuchtigkeit aufzunehmen als vor dem einsalzen. Werden die „transformierten“ Proteine nun erwärmt, gerinnen sie deutlich weniger. Was heisst: Die Feuchtigkeit hält der Hitze besser stand, das Fleisch bleibt saftiger, mürber.
Eine ganz spezielle Geschmacksnote verleiht das Weinsalz der Kellerei Abadia Retuerta. Dabei wird Fleur de Sel von der Ile de Ré mit vergärendem Tempranillo gemischt und danach wieder getrocknet. Das Ergebnis ist ein zart nach Rotwein schmeckendes Salz, das dem Fleisch eine verblüffende Würzigkeit verleiht.
Die Methode lässt sich übrigens auch auf Fisch und Gemüse anwenden. Für ausführlichere Informationen und Rezepte dürfen Sie mir sehr gerne schreiben. richard.kaegi@globus.ch
Jetzt in der delicatessa erhältlich:
Sal de Vino Abadia Retuerta, 110g Fr.11.90
Der Mensch liebt Gewohnheiten und Rituale. Ewige Kreisläufe, so sicher wiederkehrend wie der Mond am Nachthimmel. Wir erwarten sie und folgen ihren unhörbaren Anweisungen in unserem Unterbewusstsein. Ganz anders verhält es sich bei der Ernährung: Ihren sanften bis dringlichen Aufforderungen mögen wir nicht so recht Folge leisten. Umsomehr meldet sich dafür das schlechte Gewissen. Ist das Jahr noch jungfräulich, der letzte Bissen der weihnächtlichen Völlereien ist noch gar nicht richtig verdaut, dann nagt es am meisten. Mit den steigenden Temperaturen versickern aber alle Gedanken an Mässigung. Was kümmern uns dann Fehlbesiedelungen im Darm, katastrophale Leberwerte und explosive Blutdruckwerte in morschen Venen? Schliesslich besänftigen wir die Gewissensbisse mit Wellness und halbherzigen Fitness-Experimenten und schliessen sogar Diätwetten ab. Mit uns selbst, wohlgemerkt, nur so bleibt die Niederlage unbemerkt.
Shrimps. Krevetten, Prawns – man kennt die beliebten und schmackhaften Tierchen unter vielen Namen. Besonders grosse Exemplare werden umgangsprachlich King Prawn genannt. Aber diesen Namen verdient vor allem eine Spezie. Doch schön der Reihe nach.



