Bewertung:
Wow-Effekt: Beeindruckt Besucher, wenn es im Regal steht (und dabei bleibt es auch).
Wer sich für innovative Kochkunst interessiert, kennt Ferran Adrià. Der spanische Koch hat mit seiner Molekularküche das Restaurant «El Bulli» international bekannt gemacht. Mit «Das Familien Essen» hat Adrià erstmals ein Kochbuch für den Hausgebrauch herausgegeben – ohne Chemiebaukasten und Physikgrundkurs.
Ich habe es kaum geschafft, fünf Rezepte aus diesem Kochbuch nachzukochen. Nicht, weil es an Zeit und Zubehör fehlte, sondern einfach weil bei mir keine 75 Personen mit am Tisch essen. Denn Ferran Adriàs Familie ist gross, dazu zählen auch seine Mitarbeiter. Entsprechend massentauglich sind die Rezepte aufgesetzt, ganz wie in einer Militärküche soll es günstig, schnell und unkompliziert sein. Insgesamt werden 31 Menüs mit je drei Gängen geboten; die Kosten überschreiten (nach spanischen Verhältnissen) 3 Euro pro Person und Menü nicht.
Gehaltvolle Kost für kleine Geldbeutel
Wer sich beim Titel «Familien Essen» bereits darauf freut, wie ein kleiner «El Bulli» mit Stickstoff und Bunsenbrenner die heimische Küche abzufackeln, der irrt. Adrià verrät hier seine Rezepte für die Küchenmannschaft, wenn die Mitarbeiter sich zum gemeinsamen Essen einfinden, bevor das «El Bulli» seine Türen für die Gäste öffnet. Bolognese-Sauce? Man nehme 4 kg Rindfleisch. Barbecue-Sauce? Man nehme 1,2 kg Zwiebeln, 800 g Ketchup etc. Fairerweise muss ich einräumen, dass die Zutaten für die Gerichte mit Ausnahme der Grundrezepte jeweils für 2, 6, 20 und 75 Personen gerechnet sind. Auch wenn das mitunter zur arithmetischen Herausforderung wird: 0,3 g Muskatnuss, 7 g Weissbrot, 18 g ganze gebrannte Mandeln.
Die Gerichte sind sehr simpel, und falls trotz weniger Zutaten noch Fragen bleiben, wird jedes Rezept Schritt für Schritt illustriert. Selbst ein Dessert wie «Banane mit Limette» (Zutaten: Zucker, Wasser, Bananen, Limetten) wird anhand von 14 Fotografien erklärt, davon 4 Fotografien allein für den Schritt «Die Banane schälen und in feine Scheiben schneiden».
Spätestens jetzt wird dem Leser klar, dass dieses Kochbuch nicht zu meinen Favoriten zählt. Ich hatte mich von dem berühmten Küchenchef und dem stilvollen Coverbild verführen lassen – und war enttäuscht von so deftigen und unspektakulären Gerichten wie «Brathähnchen mit Kartoffelsticks», «Bratwürste mit Tomatensauce» oder «Spiegelei mit Spargel». Dass hier ein Molekularkoch am Werke war, zeigt sich dennoch in Kleinigkeiten, etwa dem «Knusprigen Omelett» (aus Olivenöl, Eiern und Pommes Chips) oder der «Wassermelone mit süssem Menthol» (mit zerstossenen Mentholbonbons).
Fazit: Auch ein Meisterkoch kocht nur mit Wasser.
«Das Familien Essen – Zu Hause kochen mit Ferran Adrià» ist im Buchhandel und direkt beim Verlag Phaidon Press Limited/Edel für 24.95 Euro erhältlich.
Der Knoblauch verfolgte mich noch Tage danach, aber gut geschmeckt hat der «Caesar Salad» aus dem Kochbuch «Das Familien Essen» trotzdem (hier im Originalwortlaut, mit den empfohlenen Zutaten für 6 Personen):
Ceasar Salad

Für das Dressing:
1½ Knoblauchzehen
6 Sardellenfilet in Olivenöl, abgetropft
2 Eigelb
2 EL Sherry-Essig
200 ml Sonnenblumenöl
40 g Parmesan, fein gerieben
Für den Salat:
1½ Köpfe Romanasalat
50 g Croûtons
60 g Parmesan, fein gerieben
Knoblauch, Sardellen und Eigelb in einen hohen Rührbecher geben. Mit dem Stabmixer glatt mixen. Bei laufendem Motor das Öl in einem dünnen Strahl dazugiessen, bis die Masse eine mayonnaiseartige Konsistenz hat. Den Essig einarbeiten. Den Parmesan unterrühren. Den Salat in 4 cm breite Streifen schneiden. Den Salat in einer grossen Schüssel mit dem Dressing vermengen. Den Salat in einer Servierform anrichten. Mit dem Parmesan bestreuen. Mit Croûtons garnieren und sofort servieren.
*Zu dieser Kolumne: Der Wert jedes Kochbuchs zeigt sich erst am Herd. Weil Kochbücher durch den Magen gehen, kocht Lilly Anderegg die Rezepte aus ausgewählten Büchern nach und gibt ein Urteil aus der Küche. Speiselift veröffentlicht die Kritiken im Monatsrhythmus.